BERICHT: Aufbau einer Klassenbibliothek
BERICHT: Aufbau einer Klassenbibliothek
Schulverein fördert Leseprojekt und noch viel mehr
Am Anfang dieser Geschichte steht ein 13-jähriges Mädchen, das sich langweilt. Sie wünschte sich mehr und spannendere Aufgaben. Diesem Mädchen gab ich die folgende Idee:
Wie wäre es mit einer Klassenbibliothek, fragte ich sie. Du könntest ein Konzept entwickeln.
Hm, sagte sie.
Sie verfasste eine Rundmail mit der Bitte um Buchspenden. Es kamen einzelne Spenden, darunter ein ganzes Paket von der Freundin eines Kollegen. Insgesamt war die Resonanz allerdings eher dürftig, zumindest noch nicht so, dass man von „Bibliothek“ sprechen konnte.
Aufgrund der Erfahrung, dass der Großteil der 8. Klasse, zu der sie gehörte, wenig bis gar keine Romane las, literarisches Lesen aber, wie ich selbst als Forschende auch empirisch feststellen konnte, in mehrfacher Hinsicht Zugang zu und Zugriff auf komplexe Weltzusammenhänge ermöglicht, fand ich die Idee eigentlich immer besser.
Der Schülerin konnte ich damit nicht aus ihrer Unterforderung helfen, sie hatte Gründe, aber die Idee blieb. Ich erwähnte das Projekt in einem Gespräch mit unserem Schulleiter, Herrn Berthold. Der fands gut und schlug vor, den Schulverein mit an Bord zu holen.
Ein Antrag wurde verfasst.
Und großzügig bewilligt.
Bereits vor Weihnachten konnten wir die ersten Bücher bestellen. Ich kaufte die Jugendbücher überwiegend second hand, in sehr gutem Zustand. Das hatte (neben den monetären) vor allem Vorteile im Sinne der Nachhaltigkeit. Unter anderem konnte ich für kleines Geld einige Hardcover-Ausgaben anschaffen, die eine deutlich längere Haltbarkeit aufweisen als Taschenbücher und, da sie robuster sind, sich besser für die Bibliotheksausleihe eignen.
Anfang Januar, in den Weihnachtsferien, ging ich ins Möbelhaus und kaufte ein Regal sowie einen Teppich und mehrere Kissen.
Da die Wände des Klassenraums nach einigen Jahren und Klassen wirklich sehr schmuddelig aussahen, kaufte ich außerdem Wandfarbe. Zusammen mit einem Kollegen strich ich die betreffende Wand bzw. Ecke des Klassenraums. Der dunkle Ton verleiht der Ecke Tiefe. Das Regal fungiert zugleich als Raumteiler. So ist eine gemütliche Ecke entstanden. Nach den Weihnachtsferien war das eine schöne Überraschung für die Kinder.
Schuhe sind auf dem Teppich nicht erlaubt. Auch das trägt dazu bei, dass man sich dort gern aufhält, hinsetzt, hinlegt, lesen, redend. Die Ecke wurde zunächst sehr von den Jungen belagert, erst später auch von den Mädchen in Besitz genommen.
Eine Bücherei-AG wurde gegründet, an der fünf Kinder beteiligt sind, zwei Mädchen und drei Jungen. Die Bücherei-AG ist für die Sortierung, Dokumentation und Ausleihe zuständig. Nach anfänglichem Stolpern (Wie sortiert man Bücher?) sind die fünf kreativ systematisch geworden. Ohne ihre Unterstützung würde ich das rein zeittechnisch gar nicht schaffen.
Alle Schüler*innen der Klasse konnten von nun an in den Pausen im Klassenraum bleiben, wenn sie lesen wollten. Es kam häufig vor, dass dann auch mal nicht gelesen wurde, aber auch Lesen fand statt, einzeln oder in Gruppen. Der Raum bietet Möglichkeiten, ist einladend. Und: Öffnung und Gestaltung des Raums führen ganz offensichtlich zu einem gemeinschaftlichen Verantwortungsgefühl.
Es kam häufig vor, dass andere Kinder des Jahrgangs in der Pause in die Klasse kamen. Einer von ihnen erzählte zuhause von unserer Klassenbibliothek. Daraufhin spendete die Familie uns einen wunderbar bequemen Sitzsack.
Weitere Bücher wurden im Februar und in den Sommerferien angeschafft. Unsere Klassenbibliothek umfasst mittlerweile Jugendbuch-Klassiker wie „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“, „Little Women“ oder den „Herrn der Ringe“, aber hauptsächlich gut besprochene zeitgenössische Werke wie „The Hate U Give“, „Hard Land“, „Eine wie Alaska“ oder „Krummer Hund“. Insgesamt ist die „Bibliothek“ nun auf etwas über 60 Bände angewachsen.
Die Klassenmitglieder können die Bücher ausleihen und für zwei Wochen bzw. über die Ferien mit nach Hause nehmen. Wir haben eine Lese-Challenge (ein Begriff, den ich im zweiten Teil bei Heidi Klum entlehnt habe) begonnen mit dem erklärten Ziel, so viele Kinder wie möglich zum (Mehr-)Lesen zu bekommen.
Stand heute: Wir sprechen nicht mehr von Bibliothek, sondern von unserer „Leseecke“. Klingt irgendwie reeller. Zwischenfazit:
- Es lesen mehr Kinder als vorher. Aber es lesen noch nicht alle. Damit ergeben sich drei Gruppen: die Gewohnheits-, die neuen und die Nicht-Leser*innen.
- Die zweite Gruppe ist größer als die anderen beiden.
- Die Bibliothek und die Neugestaltung des Klassenraums (aber auch eine Klassenfahrt Ende Januar) haben den Klassenzusammenhalt in meinen Augen enorm gestärkt. Die Zusammenarbeit ist erstaunlich für eine achte Klasse. Die Jugendlichen fühlen sich offensichtlich wohl in diesem Lernraum. Er scheint, ich zitiere die von mir sehr geschätzte Bildungsgangforscherin Barbara Schenk, ein Motor des Lernens geworden zu sein.
Entsprechend positive Rückmeldungen erhielt die Klasse zunehmend auch von anderen Kolleg*innen, die sie im letzten Halbjahr unterrichteten.
Man muss sich klarmachen, dass dies bei einer achten Klasse und insbesondere einer so diversen wie dieser, in der wir zum Beispiel (wir haben Anfang der siebten Klasse mal gezählt) insgesamt 15 Sprachen sprechen, keineswegs selbstverständlich ist.
Der individuelle Gewinn bleibt weitgehend unsichtbar. Aber das entspricht der Sache: Literatur lesen heißt, sich im Stillen momentan in andere (nicht doktrinäre) Sichtweisen hineindenken, in fiktionalen Erzählungen andere Ichs ausprobieren zu können. Das kann nur von Vorteil sein, glaube ich.
Ich freue mich, dass die Klasse 8/1 am Ende dieses Schuljahres nicht aufgelöst wird. Wir wollen in der 9/1 das Projekt „Klassenbibliothek“ fortsetzen, ausbauen und – die niedersächsische Erlasslage ermöglicht dies – fächerübergreifende Projekte ausprobieren. Ich bin der Schulleitung dankbar, dass sie uns darin unterstützt.
Der Schulverein hat mit der Klassenbibliothek ein absolut spannendes Projekt ins Rollen gebracht.
Katharina Roselius

